Das Ich - Fanal | Album Review

Das düstere Vermächtnis einer deutschen Gothic-Institution

Mit Fanal veröffentlichen Das Ich ihr erstes reguläres Studioalbum seit fast zwei Jahrzehnten und liefern gleichzeitig eines der bedeutendsten Alben der deutschsprachigen Darkwave- und Gothic-Szene der letzten Jahre ab. Nach gesundheitlichen Rückschlägen, langen kreativen Pausen und zahlreichen Herausforderungen kehren Bruno Kramm und Stefan Ackermann mit einem Werk zurück, das die Essenz von Das Ich bewahrt und dennoch modern, relevant und überraschend kraftvoll wirkt. Für viele Fans markiert Fanal die lang erwartete Rückkehr einer der wichtigsten deutschen Gothic-Bands überhaupt.

Die Band

Seit ihrer Gründung Ende der 1980er Jahre gehören Das Ich zu den einflussreichsten Vertretern der internationalen Gothic-Kultur. Gemeinsam mit Bands wie Goethes Erben, Deine Lakaien und Lacrimosa prägte das Duo maßgeblich die Entwicklung der sogenannten Neuen Deutschen Todeskunst.

Während viele Gruppen ihrer Generation auf klassische Gothic-Rock-Strukturen setzten, entwickelten Das Ich früh einen einzigartigen Stil aus elektronischen Klangflächen, klassischer Musik, Industrial-Elementen und philosophischen Texten.

Alben wie Die Propheten, Staub, Egodram oder Cabaret gelten heute als Meilensteine der deutschen Szene. Gerade deshalb waren die Erwartungen an Fanal enorm.

Feeling

Fanal ist kein nostalgischer Rückblick auf vergangene Erfolge. Das Album präsentiert sich vielmehr als düstere Bestandsaufnahme einer Welt im Wandel. Zwischen Industrial, Darkwave, Neoklassik und elektronischer Avantgarde entsteht eine intensive Klanglandschaft, die sich mit gesellschaftlichen Krisen, persönlicher Vergänglichkeit und menschlichen Abgründen auseinandersetzt. 

Fanal wirkt wie ein musikalischer Alarmruf für eine Gesellschaft, die sich zunehmend zwischen Krisen, Überwachung, Polarisierung und Orientierungslosigkeit bewegt. Gleichzeitig beschäftigt sich das Album mit individuellen Themen wie Vergänglichkeit, Verlust und Identität.

Musikalisch verbindet Fanal zahlreiche Elemente aus Darkwave, Industrial, Neoklassik, Neue Deutsche Todeskunst und orchestrale Elemente, also aus der gesamten Karriere von Das Ich.

Die stärksten Songs 

Menschenfeind

Der Opener setzt das zentrale Thema des Albums: die Enttäuschung über die Menschheit. Der Titel knüpft an die Tradition von Das Ich an, menschliche Abgründe nicht moralisch zu verurteilen, sondern schonungslos offenzulegen. Dominant sind marschartige Rhythmen, tiefe Synth-Flächen und eine aggressive Dynamik.

Lazarus

Lazarus ist die zentrale Auferstehungsmetapher des Albums. Der biblische Lazarus wird von Jesus von den Toten erweckt. Der Song erhält zusätzliche Bedeutung durch Stefan Ackermanns schwere Erkrankung und seine Rückkehr auf die Bühne nach lebensbedrohlichen Hirnblutungen. Auch wenn dies nicht explizit bestätigt wurde, sehen viele Hörer darin eine autobiografische Ebene.

Der Refrain besitzt eine hymnische Qualität, die an klassische Das-Ich-Stücke wie „Destillat“ erinnert.

Dantes Hölle

Der vermutlich härteste Track des Albums. Musikalisch dominieren Industrial-Sound und chaotische Klangverdichtungen. Der Song erzeugt weniger Melodie als Atmosphäre. Viele Sounds wirken bewusst überladen und bedrückend.

Brutus

Musikalisch zeichnet sich der Titel durch seinen starken Spannungsbogen aus. Durch militärische Rhythmen, klare Songstruktur und eine prägnante Hook gelingt die Balance zwischen Melodie und Härte besonders gut. Der Song besitzt eine beinahe filmische Qualität und erinnert stellenweise an einen düsteren Soundtrack.

    Genesis (Urknall)

    Trotz fast 14 Minuten ist er der musikalische Höhepunkt des Albums. 

    Der Titel entwickelt sich in mehreren Abschnitten:

    1. Atmosphärischer Beginn
    2. Aufbau elektronischer Strukturen
    3. Orchestrale Verdichtung
    4. Dramatischer Höhepunkt
    5. Ausgedehnte Schlussphase

    Musikalisch erinnert das Stück eher an eine moderne Tondichtung als an einen klassischen Gothic-Song.

    Besonders beeindruckend ist die Geduld des Arrangements. Motive werden langsam entwickelt und über viele Minuten variiert. Dadurch entsteht ein epischer Charakter, der an progressive Rock- oder Filmmusik-Kompositionen erinnert.

    Fazit

    Im Vergleich zu früheren Alben fällt auf, dass Fanal weniger tanzflächenorientiert ist als etwa Cabaret oder Teile von Anti'Christ. Stattdessen steht die Atmosphäre im Vordergrund. Die Produktion ist deutlich moderner, breiter und detailreicher, ohne die Verbindung zu den klassischen Das-Ich-Wurzeln zu verlieren.

    Das Album wirkt nicht wie ein verspätetes Comeback, sondern wie die konsequente Fortsetzung eines Werkes, das in den letzten 20 Jahren gesellschaftlich sogar noch relevanter geworden ist.

    Im Kontext der Neuen Deutschen Todeskunst nimmt Fanal eine besondere Stellung ein. Während viele Genrevertreter längst verschwunden sind oder sich stilistisch stark verändert haben, beweisen Das Ich, dass anspruchsvolle, deutschsprachige Dunkelkunst noch relevant sein kann.

    Bewertung 9/10

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